Das Projekt
 

•  Vorstellung des Forschungsprojekts 

 

•  Das Jenny-Aloni-Archiv - ein Modell

 

•  Kontexte: Jüdische Literatur innerhalb der jüdischen Kultur Westfalens 

 

•  Westfälische Literatur innerhalb der deutsch-jüdischen Literatur

 

•  Jüdische Literatur innerhalb der westfälischen Literatur 

 

•  Warum sind die jüdischen Autoren unbeachtet geblieben? 

 

•  Jüdische Literatur als Regionalliteratur? 

 

•  Perspektiven künftiger Forschung 


•  Arbeitsschritte und Ziel des »Basisprojekts«

 


Vorstellung des Forschungsprojekts

 

Selbst Kenner der westfälischen Literatur oder der deutsch-jüdischen Literatur wissen so gut wie nichts über jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen. Das zeigen noch die neuesten Literaturgeschichten und Lexika. Doch es gab und gibt diese Autorinnen und Autoren. Ihre Spuren wurden - aus Gleichgültigkeit wie aus Vorsatz - übersehen, vergessen, verdrängt, vertilgt.


Der jüdische Schriftsteller Günter Kunert, einer der bedeutendsten Lyriker unserer Zeit, hat dies kürzlich am Beispiel von Jakob Loewenberg betont. Der Autor, geboren und aufgewachsen in einem Dorf nahe Paderborn, war, als er 1929 starb, bekannt und vielgelesen; seine Werke wurden vier Jahre später verbrannt. Es dauerte mehr als 60 Jahre und damit ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, bis eine Auswahlausgabe wieder Texte dieses Schriftstellers zugänglich machte. Kunert schrieb im Vorwort zu diesem Band 1995:

»Wieviele Loewenbergs harren noch unter dem Schutt der Gegenwart ihrer ‚Auferstehung'? Wieviele Autoren jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung warten eigentlich noch darauf, in das Gedächtnis unserer Zeitgenossen zurückgerufen zu werden? Die Ausrottungsmaschinerie hat ja nicht allein die Menschen erfaßt und beseitigt, sondern zugleich auch eine nicht abschätzbare Zahl ihrer künstlerischen Bekundungen. Wir kennen nur die bekanntesten unter den Opfern. Doch jene aus der zweiten, aus der dritten Reihe, die weniger Namhaften, fehlen zur Gänze in unserem Bewußtsein.«

(Jakob Loewenberg: Aus jüdischer Seele. Ausgewählte Werke. Mit einem Vorw. von Günter Kunert hg. von Winfried Kempf. Paderborn 1995, S. 10f.)

Es ist eine wichtige Aufgabe der Literatur- und Kulturwissenschaft, viele »Loewenbergs«, viele »Autoren jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung [...] in das Gedächtnis unserer Zeitgenossen« zurückzurufen. Das Forschungsprojekt Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen will mit der Erfüllung dieser Aufgabe für unsere Region beginnen.

 

Das Ziel dieses Projektes lässt sich so zusammenfassen:

»Aufgabe ist es, die Spuren von jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu sichern, die seit dem 18. Jahrhundert im Kulturraum Westfalen, gelebt und geschrieben haben und die ein nur wenig wahrgenommener Teil unserer Kultur sind. Spuren sichern, das heißt konkret: biographische Daten und Schriften ermitteln, Werke sammeln; dieses Archiv in eine Datenbank umsetzen; und schließlich: das Wichtigste in einem Lexikon und in Ausgaben, in wissenschaftlicher und popularisierender Form, etwa in einer Ausstellung, der Öffentlichkeit zugänglich machen.«
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Das Jenny-Aloni-Archiv - ein Modell

 

Mitte der achtziger Jahre begann ich mich intensiver mit dem Werk der in Paderborn geborenen Schriftstellerin Jenny Aloni zu befassen, weil ich plante, zu ihrem 70. Geburtstag 1987 eine Werkauswahl herauszugeben. Im Vorwort wollte ich unter anderem die beiden engeren literarisch-historischen Kontexte skizzieren, in denen ihr Werk gesehen werden könnte: den der jüdischen Literatur Westfalens und den der deutschsprachigen Literatur Israels, wo die Autorin seit 1939 lebte. Der israelische Teil dieses Komplexes war angesichts der Forschungslage schwierig zu behandeln. Der erste, westfälische, erwies sich als nicht durchführbar - in den mir zugänglichen Arbeiten über westfälische Literatur war über jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller so gut wie nichts zu finden. Selbst die seinerzeit soeben, 1983, erschienene vorzügliche Literaturgeschichte von Renate von Heydebrand, die kultur- und sozialgeschichtlich sehr breit angelegt ist und daher viele poetae minores, Schriftsteller von begrenzter regionaler Bedeutung, verzeichnet und behandelt, führte nicht weiter. (Literatur in der Provinz Westfalen 1815-1945. Ein literarhistorischer Modellentwurf. Münster 1983 (=Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen: Geschichtliche Arbeiten zur Westfälischen Landesforschung: Geistesgeschichtliche Gruppe 2).) So unterließ ich damals einen Hinweis auf Kontexte. Die Arbeiten über Jenny Aloni beschäftigen mich nun über ein Jahrzehnt lang; sie wurden für mich - und viele andere - ein Beispiel dafür, dass ein regionaler Ausgangspunkt zur Entdeckung (oder Neu- und Wiederentdeckung) eines Autors und zu seiner Einführung in die internationale Literaturgeschichtsschreibung führen kann. Wegen des Modellcharakters skizziere ich kurz die wichtigsten Aspekte und Schritte.

Alle Werke Jenny Alonis (immerhin sechs Buchpublikationen in Deutschland und zwei in Israel 1956-83) waren 1987 im deutschen Buchhandel vergriffen; die Auswahlausgabe, die auch einiges Unveröffentlichte enthielt, brachte der Autorin neue Aufmerksamkeit. Sie ermutigte mich, 1990 mit der Edition einer Werkausgabe zu beginnen, die im Laufe der Zeit, bis 1997, auf 10 Bände anwuchs. Von Beginn an sammelten wir Materialien in einem Archiv; nach dem Tod von Jenny Aloni 1993 gab ihr Ehemann nach und nach den gesamten Nachlass in das Jenny-Aloni-Archiv am Germanistischen Seminar der Universität Paderborn. Viele dieser Materialien gingen in die Werkausgabe ein, der wertvollste Teil - das Tagebuch 1935-1993 - wurde im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts transkribiert und kommentiert und soll in Kürze herausgegeben werden. Zwei preiswerte Auswahlbände im Taschenbuch sowie eine Ausstellung mit Katalog waren die wichtigsten Unternehmungen bei dem Versuch, das Werk zu verbreiten. Zieht man heute Bilanz, so kann man festhalten: Die Autorin erhielt zwei renommierte Literaturpreise, über sie erschienen über zwei Dutzend wissenschaftliche und eine Reihe populärer Artikel sowie mehrere Examensarbeiten; Texte von ihr wurden in verschiedene Anthologien aufgenommen, Beiträge über sie in Lexika und Literaturgeschichten, auch in internationalen Kontexten. (Über die Ausgabe und die Arbeit des Archivs informiert umfassend die Homepage des Projekts.
Gewiss: Jenny Aloni stellt durch den mittlerweile allgemein anerkannten Rang ihrer Werke einen Ausnahmefall in der »jüdischen« Literatur Westfalens dar; aber er sollte genutzt werden, um die Aufmerksamkeit auf andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu lenken, auch wenn deren Wiederentdeckung kein wissenschaftliches und publizistisches Echo ähnlichen Ausmaßes erwarten lässt.
Die erfreuliche Tatsache, dass das Werk Jenny Alonis auch in der Öffentlichkeit und in der Region stärker wahrgenommen wurde, führte dazu, dass man mich von verschiedener Seite - Kommunen, Stadtarchivare, Lehrer, Kulturbeauftragte - bat, mich auch für andere jüdische Autoren Westfalens einzusetzen. Ich sagte zu, über ein solches Projekt zumindest einmal intensiver nachzudenken. Denn ich hatte mich in der Zwischenzeit sowohl ausführlicher mit jüdischer Literatur als auch mit regionaler Literatur befasst und fand es durchaus reizvoll, beide Arbeitszweige noch einmal zusammenzubringen. Da sowohl das Interesse für jüdische Literatur als auch das für Regionalliteratur in den neunziger Jahren erheblich gewachsen war und zu einer Reihe von fundierten Untersuchungen und Werken geführt hatte, schien mir auch die Ausgangssituation wesentlich günstiger zu sein als ein Jahrzehnt zuvor. Diese Hoffnung erfüllte sich allerdings nur in begrenztem Umfang.
Das zeigt ein Blick auf die Situation in den drei Feldern, in denen die Behandlung jüdischer Literatur in Westfalen zu erwarten wäre, nämlich

 

       der jüdischen Literatur innerhalb der jüdischen Kultur Westfalens,

       der westfälischen Literatur innerhalb der deutsch-jüdischen Literatur,

       der jüdischen Literatur innerhalb der westfälischen Literatur.  

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Kontexte: Jüdische Literatur innerhalb der jüdischen Kultur Westfalens

 

Zum ersten Komplex, der jüdischen Kultur in Westfalen: Historiker, Judaisten, Sozial- und Rechtswissenschaftler, Archivare und Heimatforscher haben sich dieses Themas seit kurzer Zeit intensiv angenommen. Das heutige breitgefächerte Forschungsinteresse resultiert u.a. aus der Vielzahl von Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms 1938. Begleitend zu Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen erschienen zahlreiche Publikationen, in denen unter den Topoi Erinnern und Vergessen die Konfliktträchtigkeit der deutsch-jüdischen Beziehung beleuchtet wurde. Die Bibliographie Jüdisches Leben in Westfalen und Lippe (Zusammengestellt von Ulla Ehrlinger. Unter Mitarbeit von Hermann Hermes und Kurt Scheideler. Kulturforum Warburg e.V. (Hg.). Warburg 1995) dokumentiert auf über 300 Seiten die Intensität der Auseinandersetzung. 1997 wurde in Essen ein Netzwerk - Geschichte und Leben der Juden in Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen, das öffentliche und private Initiativen koordiniert.

Auch in den Bereichen Kunst und Volkskunde sind die Forschungen in den letzten Jahren fortgeschritten. Das Land Nordrhein-Westfalen initiierte 1993 als erstes Bundesland eine umfassende Bestandsaufnahme des jüdischen Kulturerbes. Dabei wurden u.a. Synagogen, Friedhöfe, Sozial- und Kultureinrichtungen, Wohnhäuser und Geschäfte einbezogen. Hieraus entstanden bisher drei umfangreiche Bände Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen über Köln, Düsseldorf und Detmold. (Elfi Pracht: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil I: Regierungsbezirk Köln. Köln 1997; Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf. Ebd. 2001; Teil III: Regierungsbezirk Detmold. Ebd. 1998)
Bei all diesen Initiativen blieb der Bereich der deutsch-jüdischen Literatur weitgehend ausgeklammert. Dies gilt auch für die umfassende Dortmunder Ausstellung Jüdisches Leben in Westfalen (, die seit 1998 in Nordrhein-Westfalen gezeigt wird. Es wird lediglich kurz auf das literarische Wirken der Politikerin Jeanette Wolff (Bocholt), des Pädagogen Jakob Loewenberg (Niederntudorf) und Jenny Alonis hingewiesen. Das Schaffen zahlreicher weiterer Autoren bleibt aufgrund des unbefriedigenden Forschungsstandes unberücksichtigt.

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Westfälische Literatur innerhalb der deutsch-jüdischen Literatur

 

Zum Zweiten: zur deutsch-jüdischen Literatur generell. Was ist das eigentlich genau? Andreas B. Kilcher hat  1999 in einem begriffsgeschichtlichen Aufsatz mit dem Titel Was ist deutsch-jüdische Literatur? Eine historische Diskursanalyse (In: Weimarer Beiträge 45, 1999, S. 485-517) die Beantwortung dieser Frage durch die Geschichte verfolgt und dabei die lange kontroverse, ja erbitterte Debatte darüber nachgezeichnet, vor allem über das, was etwas ironisch (oder zynisch) das Problem des Bindestrichs genannt wird.
Dieser Bindestrich bestimmt das Verhältnis von deutsch und jüdisch. Es berührt die Frage, ob der Bindestrich Deutsche und Juden trennt oder vereinigt oder gar zwangsvereinigt, ob er eine Symbiose signalisiert oder einen großen historischen Irrtum verniedlicht, von »negativer Symbiose« (Dan Diner) wird dann gesprochen.
Eine deutsch-jüdische Literatur entstand, im Zuge der Aufklärung, von der Mitte des 18. Jahrhunderts an. Mit der allmählichen bürgerlichen Emanzipation der Juden in Deutschland und Österreich und ihrer Öffnung gegenüber der deutschen und europäischen Kultur begannen jüdische Autoren, deutsch anstatt jiddisch oder hebräisch zu schreiben. Daraus entwickelten sich intensive literarische und kulturelle Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Viele jüdische Autoren integrierten sich zwar bruchlos als »deutsche« Schriftsteller, blieben aber dennoch durch ihre insgesamt eher feindliche nichtjüdische Umwelt als »jüdisch» markiert. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Begriff «deutsch-jüdische» Literatur von jüdischer Seite zunehmend stolz und offensiv gebraucht, von Antisemiten jedoch zunehmend zur Diffamierung und Ausgrenzung benutzt. Seit dem Holocaust galt daher jedes Reden von einer «deutsch-jüdischen» Literatur als sinnlos, ja obsolet. Diese Einstellung dominierte auch in der Literaturwissenschaft lange Zeit; aus Furcht, in den Verdacht des Antisemitismus zu geraten, wurde der Begriff weitgehend gemieden. Erst in den achtziger Jahren erhoben sich Gegenstimmen: Sie wiesen darauf hin, dass man damit auch die bedeutende Rolle der Juden innerhalb der deutschen Literatur und Kultur verschweige. In den neunziger Jahren kehrte der Begriff in die Diskussion zurück. Heute wird er wieder relativ unbefangen gebraucht. Dazu trug auch eine neue Generation jüdischer Autoren bei, die in deutscher Sprache zu schreiben begannen. Die meisten Literaturwissenschaftler haben geglaubt und verkündet, dass mit den wenigen Autoren, die die Shoah überlebten, wie Nelly Sachs und Paul Celan, die Entwicklung der deutsch-jüdischen Literatur zu Ende gehe. In der Tat verlagerte sich nach der Shoah jüdisches Leben von Deutschland nach Israel, den USA und Frankreich. Seit den 90er Jahren entwickelt sich jedoch eine «neue» deutsch-jüdische Literatur, getragen von Kindern und Enkeln der Überlebenden. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieser Generation verstehen sich zum überwiegenden Teil selbst als «deutsch-jüdisch». (Vgl. zu diesen neuesten Entwicklungen den Band Deutsch-jüdische Literatur der neunziger Jahre. Die Generation nach der Shoah. Hg. von Sander L. Gilman und Hartmut Steinecke. Berlin 2001)
Für die wissenschaftliche Diskussion heute kann die folgende Definition von Hans Otto Horch und Itta Shedletzky aus dem Neuen Lexikon des Judentums (Hg. von Julius H. Schoeps. Überarb. Neuausgabe. Gütersloh 2000, S. 521-525, hier: S. 522) als Ausgangspunkt dienen:

»Deutsch-jüdischen Literatur [bezeichnet das] literarische Werk jüdischer Autoren in deutscher Sprache, in dem explizit oder implizit in irgendeiner Form jüdische Substanz erkennbar ist - als jüdische Thematik, Motivik, Denkformen oder Modelle. Diese jüdische Substanz - im Sinne einer Auseinandersetzung mit jüdischer Tradition oder jüdischer Existenz - entfaltet sich bei den meisten Autoren innerhalb eines dominierenden deutschen kulturellen Bewusstseins.«

Den großen Reichtum der deutsch-jüdischen Literatur als substantiellen Teil der deutschen Kultur zeigt - nach einer Reihe von Überblicks- und Einzelstudien - zuletzt am eindrucksvollsten das internationale Standardwerk Yale Companion to Jewish Writing and Thought in German Culture 1096-1996 (Ed. by Sander L. Gilman and Jack Zipes. New Haven, London 1997) auf über 800 Seiten. Diese zur Zeit ausführlichste Darstellung deutsch-jüdischer Literaturgeschichte behandelt über 100 Autoren eingehend, darunter Jenny Aloni und Leopold Zunz. (darin, S. 199-204: Céline Trautmann-Wallet: 1872 Leopold Zunz declines an invitation to the inauguration of the Hochschule für die Wissenschaft des Judentums; S. 820-826: Hartmut Steinecke: Jenny Aloni's »Das Brachland« is published as volume 1 of her »Gesammelte Werke in Einzelausgaben«) Die Aufnahme des Begründers der »Wissenschaft des Judentums« zeigt die bereits im Titel Writing and Thought signalisierte vorbildliche Weite des Literaturbegriffs. Darüber hinaus werden in unterschiedlichen Zusammenhängen wenigstens einige weitere Literaten westfälischer Herkunft genannt, allerdings ohne diesen regionalen Aspekt je zu erwähnen (was nach der Anlage des Werkes auch nicht zu erwarten wäre). Schließlich: die neueste Publikation, das Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur (Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Hg. von Andreas B. Kilcher. Stuttgart, Weimar 2000), das erste derartige umfassende Werk nach der Shoah, enthält Beiträge über 270 Schriftstellerinnen und Schriftsteller; darunter stammen lediglich zwei aus Westfalen: Jenny Aloni und Jakob Loewenberg.

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Jüdische Literatur innerhalb der westfälischen Literatur

 

Jegliche Untersuchung deutsch-jüdischer Literatur wagt sich auf ein problematisches Terrain. Sie gerät unweigerlich in ein grundlegendes und unlösbares Dilemma. Wie kann die jüdische Literatur aus der Kultur ausgegrenzt werden, in deren kulturellem Lebensraum sie entstand? Wie, andererseits, darf und kann diese Literatur in Zusammenhang mit der Kultur derjenigen gesehen werden, die ihre jüdischen Mitbürger verfolgt und vernichtet haben? - Diese Fragen stellen sich insbesondere innerhalb der Forschung zu regionaler Literatur, die durch die nach 1945 zunächst weitergeführte und bis heute nicht vollständig aufgearbeitete Geschichte als »Stammesliteraturforschung« vorbelastet ist.
Grundlage solcher Literaturbetrachtung, ob sie nun naiv oder mit wissenschaftlichem Anspruch auftrat, bildete seit Ende des 19. Jahrhunderts die Überzeugung, dass Heimat und Boden wesentliche Prägefaktoren der Literatur seien, dass also der Verwurzelung in der Heimat, der Bodenständigkeit zentrale Bedeutung für jede Literatur zukomme. Auch die Beschäftigung mit der Literatur Westfalens stand lange Zeit unter diesen Vorzeichen, sie dominierten in der Zeit vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Epoche des Nationalsozialismus und die fünfziger Jahre, schwanden aber auch danach erst allmählich. Das waren natürlich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen dafür, sich mit jüdischen Schriftstellern Westfalens zu beschäftigen, da diese unter den genannten Aspekten als »heimatlos« und »entwurzelt« erschienen. Ein vergleichender Blick in andere deutsche Regionen zu dieser Zeit zeigt, dass die prominenten jüdischen Autoren für eine Stammes- und Heimatliteratur geradezu Gegenmodelle wurden, weil sie eben nicht zu einem (deutschen) Stamm gehörten, nirgendwo eine Heimat hatten, »wurzellos« waren. Solche Befunde des »Undeutschen« verbanden sich mit den seit Mitte des 19. Jahrhunderts wachsenden antisemitischen Stereotypen. Liest man die rheinischen, bayerischen, schlesischen Regionalliteraturgeschichten jener Jahrzehnte, so wird man es kaum noch bedauern, dass jüdische Schriftsteller nicht in den Blick einer westfälischen »Stammesliteraturforschung« gerieten, denn so blieben ihnen wenigstens vergleichbare Diskriminierungen erspart.
Erst seit den sechziger Jahren lenken sozial- und mentalitätsgeschichtliche Ansätze den Blick wieder stärker auf die Literaturproduktion und -rezeption in ihrer ganzen Breite. Die neue Sichtweise unter dem ideologisch nicht vorbelasteten Stichwort »Regionalliteratur« hat dazu geführt, dass erstmals ohne Kriterien der Gesinnung, des ästhetischen Geschmacks oder der Bodenhaftung das schriftstellerische Leben der Region in vielen vorher unbekannten oder übersehenen Verflechtungen erfasst wurde. Dazu kommt ein zweiter Aspekt neuerer Literaturbetrachtung: die Ausweitung des Literaturbegriffs. Seit einigen Jahren werden immer selbstverständlicher außer den traditionellen belletristischen Gattungen auch zahlreiche andere literarische Formen und Ausdrucksweisen - wie Essay, Feuilleton, Literaturkritik - zur Literatur gerechnet.
Die westfälische regionale Literaturforschung hat seit den achtziger Jahren große Fortschritte gemacht. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bereich einer jüdischen literarischen Tradition in Westfalen betritt jedoch nach wie vor weitgehend Neuland. Das bereits erwähnte Standardwerk Renate von Heydebrands, Literatur in der Provinz Westfalen 1815-1945 (s.o.) aus dem Jahre 1983 erwähnt lediglich drei jüdische Schriftsteller (Jakob Loewenberg, Elias Marcus und Hugo Wolfgang Philipp) und auch diese nur beiläufig. Loewenberg - der, wie erwähnt, immerhin einen eigenen Artikel im neuesten deutsch-jüdischen Literaturlexikon erhalten hat - wird beispielsweise nicht in einem eigenen Abschnitt oder auch nur Absatz erwähnt, sondern nur als Beispiel dafür, wie tolerant der westfalenbewusst-heimattümelnde Anthologist Ludwig Schröder war (Ebd., S. 161). Ähnliches gilt für die Darstellung Die Literatur Westfalens. Von ihren Anfängen bis zur Gegenwart (Paderborn 1993) von Winfried Freund: Auch hier werden nur einige wenige jüdische Autoren (Loewenberg, Philipp, Aloni) berücksichtigt.

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Warum sind die jüdischen Autoren unbeachtet geblieben?

 

Die Gründe dafür liegen sicher nicht nur in Mängeln der bisherigen Forschung. Zweifellos waren die Rahmenbedingungen für eine jüdische Literatur in Westfalen nicht günstig. Zum einen blieb der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Westfalen stets vergleichsweise gering. Die Spuren jüdischen Lebens in Westfalen reichen bis ins Hochmittelalter. Als älteste jüdische Gemeinde in Westfalen gilt Dortmund, wo seit 1200 jüdische Bewohner nachgewiesen sind. Von der Vertreibung aus den Städten im Zuge der Pestpogrome des Jahres 1350 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts spielte sich jüdisches Leben in Westfalen in den ländlichen Regionen, im Sauerland, Münsterland, im Lippischen ab. Erst mit der allmählichen gesellschaftlichen Gleichstellung, die 1869 gesetzlich formuliert wurde, entwickelte sich auch ein städtisches Judentum, das aber selbst in den größten Städten Westfalens nur einen geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachte. Der überwiegende Anteil der jüdischen Bevölkerung Westfalens blieb damals in den angestammten Handelsberufen. Ein literarisches Leben, in dem jüdische Schriftsteller und Journalisten, wie in den Metropolen des übrigen Landes, ihren Wirkungskreis gefunden hätten, bildete sich in Westfalen kaum heraus. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden fast alle westfälischen Juden, die nicht ausgewandert oder geflohen waren, in den Konzentrationslagern ermordet. Die wenigen, die zurückkehrten, legten den Grundstein für ein Wiederaufleben der jüdischen Gemeinden, die heute durch die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion seit Beginn der neunziger Jahre allmählich anwachsen. Zum anderen war Westfalen nie eine blühende Literaturlandschaft wie etwa Schwaben, Thüringen oder Sachsen in einigen Phasen ihrer Geschichte. Das hat eine Reihe von Gründen historischer, sozialer und kulturgeschichtlicher Art, die in der mittlerweile umfangreichen Forschung zu dem Thema »Literatur in Westfalen« festgehalten und diskutiert wurden und werden.
Dennoch: Trotz dieser ungünstigen Voraussetzungen gab und gibt es jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen, neben den bisher genannten eine große Zahl von kaum bekannten oder sogar vollständig vergessener Persönlichkeiten. Warum werden sie so wenig wahrgenommen? Neben der angedeuteten Geschichte der Regionalliteratur-Forschung mit ihrem ausgeprägten Desinteresse an »wurzellosen« Autoren könnte ein wesentlicher Grund darin liegen - so formuliere ich einmal als These -, dass eine überregional oder gar übernational bekannte Leitgestalt wie Mendelssohn in Berlin, Heine in Düsseldorf oder Börne in Frankfurt fehlte, die für jüngere Schriftsteller zu einem Vorbild hätte werden können und für Literaturwissenschaftler zum Anlass, sich mit dem Geflecht literarischer Strukturen und Traditionslinien ihres Umkreises zu befassen.
Was immer die Gründe sein mögen: Über die jüdische Lebenswirklichkeit in Westfalen aus der Perspektive von Schriftstellern ist nur wenig bekannt. Dabei steht außer Frage, dass die Literatur besonders geeignet ist, als Wahrnehmungsspiegel von Wirklichkeit zu fungieren.

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Jüdische Literatur als Regionalliteratur?

 

Unser Projekt ist, wie skizziert, Teil der Regionalliteratur-Forschung. Es wurde bereits gesagt, dass und warum deren Vorläuferin, die »Stammesliteraturgeschichte«, die Beschäftigung mit jüdischen Autoren weitgehend vermied: Man diskriminierte sie als »heimatlos«. Solche Diffamierung sollte nicht von der Frage abhalten, ob der regionale Bezug ein sinnvoller Ansatz ist, sich mit jüdischen Autoren zu befassen. Bei jedem der vier Schriftsteller, denen in diesem Band Einzelporträts gewidmet sind, ließe sich die Frage stellen, mit welchem Recht man hier die Region »Westfalen« zur Kennzeichnung ihrer Literatur heranzieht: Salomon Ludwig Steinheim verließ Westfalen im Alter von 15 Jahren, lebte lange in Altona, dann in Italien und der Schweiz; Felix Fechenbach kam erst mit 35 Jahren, 1929, nach Westfalen, wo er 1933 inhaftiert und ermordet wurde; Arie Goral-Sternheim verließ Westfalen als Jugendlicher, floh im Alter von 24 Jahren 1933 über Frankreich nach Palästina, nach seiner Rückkehr nach Deutschland lebte er vor allem in Hamburg; Jenny Aloni verließ ihre westfälische Geburtsstadt im Alter von 17 Jahren 1935, lebte in Berlin und seit 1939 in Palästina/Israel. Die Kennzeichnung »westfälisch« trifft also bei diesen Autoren in jedem Fall nur einen kleinen Teilbereich ihres Lebens und Schreibens - und das gilt auch für die große Mehrzahl der im Anhang aufgeführten »Schriftstellerinnen und Schriftsteller in (oder aus) Westfalen«.
Es ist selbstverständlich nicht das Geringste dagegen zu sagen, wenn diese Autoren auch in Literaturgeschichten Hamburgs, Berlins, Bayerns oder Israels behandelt werden oder Institutionen an anderen Orten sich mit der Sicherung von Spuren, der Sammlung und Erforschung ihrer Schriften befassen. Leider ist das bei den hier zur Diskussion stehenden Autoren in der Vergangenheit nur in sehr wenigen Ausnahmefällen geschehen; leider war und ist es der Normalfall, dass sich in Deutschland niemand um die jüdischen Autoren »aus der zweiten, aus der dritten Reihe« (Kunert) gekümmert hat. Das ist eine mehr als ausreichende Begründung dafür - so meine Überzeugung -, dass die Region der Herkunft dieser Autoren mit der überfälligen Aufgabe beginnt.
Wenn dies geschieht, wird man in nicht wenigen Fällen darauf stoßen, dass die westfälische Herkunft wichtige Spuren in den Werken hinterlassen hat: Oft blieben die Kindheit und die Jugend ein Bereich der Erinnerungen, ein Reservoir früher Bilder und Erfahrungen, von Träumen und Traumata. Dies trifft auch auf die genannten vier Autoren zu, in unterschiedlicher Intensität: je weiter und länger sie von der früheren Heimat entfernt waren, desto intensiver wurden paradoxerweise die Spuren dieser Prägungen.

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Perspektiven künftiger Forschung

 

Intensive Beschäftigung mit der jüdischen Literatur Westfalens verspricht über die Literatur hinaus Aufschlüsse über die Beziehungsgeschichte von Juden und nicht-jüdischer Umwelt, Probleme der gesellschaftlichen Integration und Akkulturation der Juden, soziokulturelle und ideengeschichtliche Aspekte und nicht zuletzt innerjüdische Zusammenhänge, Quellen und Traditionen. Eine solche Verbindung literaturwissenschaftlicher mit kulturwissenschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen ist im Bereich der internationalen Jewish Studies seit langem üblich. Durch die Berücksichtigung zahlreicher Autoren, die im Vorfeld dieses Projekts ermittelt wurden, wird der Forschung eine Fülle neuer wichtiger Zeugnisse und Fragestellungen erschlossen. Stichproben haben ergeben, dass die Analyse exemplarischer Lebensläufe zu wesentlichen Aufschlüssen über eine jüdisch perspektivierte Lebenswahrnehmung in Westfalen führen kann.
Dies gilt ebenso für die Autoren mittleren Bekanntheitsgrades auf regionaler Ebene. In der neueren Forschung werden sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte miteinbezogen; der Blick wurde stärker von der Literaturproduktion auf die Rezeption gelenkt, der Textbegriff erweitert (Auswertung von Tagebüchern, Memoiren, Briefwechseln, Essays, Feuilletons, Literaturkritiken etc.). Diese neuen Diskussionen und Ansätze gilt es auf die westfälische Literatur anzuwenden. Der Blick auf Forschungen in anderen deutschen Regionen zeigt, dass besonders von jüdischen Autoren Gegenmodelle zum herkömmlichen Geschichtsbild entworfen wurden, da diese Autoren häufig gesellschaftlich ausgegrenzt waren.
Angestrebt wird eine sachlich fundierte Bestandsaufnahme der jüdischen Literaturgeschichte, die, mit Sensibilität für die Besonderheit der jüdischen Identität, als integraler Bestandteil der westfälischen Regionalliteraturgeschichte gesehen wird. Eine solche Dokumentation des jüdischen Beitrags zur westfälischen Kultur- und Literaturgeschichte sieht die jüdische Bevölkerung Westfalens nicht mehr vorrangig als Opfer, wie es häufig in der heimatkundlichen Aufarbeitung geschieht, sondern zugleich als handelnde Menschen. Denn auch für die vergleichsweise kleine Gruppe der jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller gilt in Westfalen, dass sie seit der Emanzipation »nicht nur Objekte einer gegen sie gerichteten Politik, sondern Subjekte des historischen Prozesses, Mithandelnde und Mitgestaltende der deutschen Geschichte« waren (Reinhard Rürup: Jüdische Geschichte in Deutschland. Von der Emanzipation bis zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In: Zerbrochene Geschichte. Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland. Hg. von Dirk Blasius und Dan Diner. Frankfurt/M. 1991, S. 53-63, hier: S. 80).
Eine Grundlage wurde seit Mitte der 1990er Jahre durch das von Walter Gödden und Iris Nölle-Hornkamp erarbeitete Westfälische Autorenlexikon (Bd. 1: 1750-1800. Paderborn: Schöningh 1993; Bd. 2: 1800-1850. Ebd. 1994; Bd. 3: 1850-1900. Ebd. 1997; Bd. 4: 1900-1950. Ebd. 2002) geschaffen. Insgesamt werden in diesem Lexikon - wenn es 2002 abgeschlossen sein wird - in 4 Bänden ca. 2.500 Autoren vorgestellt, die von 1750 bis 1950 geboren wurden. Darunter sind nur etwa 50 jüdische Autoren. Diese Zahl ist, wie die bisherigen Recherchen ergeben haben, deutlich zu erhöhen. Die in die vorliegende Datenbank eingegangene Zusammenstellung jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen weist heute (im Januar 2002) mehr als 276 Namen auf. Diesen Datenbestand gilt es weiter zu überprüfen und zu vervollständigen, sowohl bezüglich der Zahl der Autoren als auch hinsichtlich der Ermittlung und Sichtung von Materialien.

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Arbeitsschritte und Ziel des »Basisprojekts«

 

Ziel ist es, wie eingangs zusammengefasst, jüdische Autorinnen und Autoren, die in Westfalen geboren wurden oder gelebt haben, die künstlerisch, wissenschaftlich und journalistisch publiziert haben und publizieren, zu ermitteln und in ihren Werken und Lebensumständen vorzustellen. Angestrebt wird eine fundierte Bestandsaufnahme, die den jüdischen Beitrag an der westfälischen Kultur- und Literaturgeschichte herausstellt und über ein Archiv zur Jüdischen Literatur in Westfalen (zugleich in Form von Datenbanken), ein bio-bibliographisches Lexikon, eine Textedition und eine Wanderausstellung dokumentiert. Darüber hinaus gilt es, die erarbeiteten Materialien auch für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Gerade das Internet bietet hierfür neue Möglichkeiten der Kommunikation.

 

Im einzelnen sind mithin Ziele des Forschungsprojekts:

 

Installierung eines per Internet nutzbaren Datenpools zur Jüdischen Literatur in
   Westfalen, der als work-in-progress-Datenbank die laufenden Ergebnisse des
   Projektes bereits während der Arbeiten zugänglich macht.

 

Errichtung eines Archivs zur Jüdischen Literatur in Westfalen, das als offenes 
   Forum für weiterführende Diskussionen und Untersuchungen genutzt werden kann.
   Es setzt sich zusammen aus:

 

einer Primärdatenbank, die biographische Informationen, Bildmaterial, Zeugnisse 
   zu den Autorinnen und Autoren und ihren Lebensumständen verzeichnet,

 

Sekundärdatenbanken, in denen die Werke, Kommentierungen, Bibliographien 
   verfügbar gemacht werden,

 

Datenlinks zu Bibliotheks-, Archivdatenbanken zur jüdischen Literatur- und
   Kulturgeschichte und zur westfälischen Literaturgeschichte u.ä.

 

Veröffentlichung eines bio-bibliographischen Lexikons zur Jüdischen Literatur in
   Westfalen.

 

Editionen von Einzelwerken und Anthologien.

 

Vermittlung der Arbeitsergebnisse an eine größere Öffentlichkeit durch Vorträge,
   Seminare, Tagungen sowie über die Aufbereitung in Form einer Wanderausstellung

 

Ein letztes: Es gibt, weitab von aller Wissenschaft, gute Gründe, warum man sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit der jüdischen Kulturtradition in Deutschland beschäftigen sollte - und nicht nur mit der Tradition, sondern auch mit der Gegenwart. Kommunen und Institutionen können ihr Engagement mit finanzieller Förderung beweisen; wichtiger noch ist die Mitarbeit möglichst vieler an diesem Projekt. Das sind zunächst vor allem Archivare vor Ort, Heimat- und Literaturfreunde. Da dies jedoch ein Projekt ist, das von einer Universität ausgeht, sollten es in erster Linie Studierende sein. Bei den Vorbereitungsarbeiten wirkten einige derer mit, die über Jahre hinweg das Aloni-Projekt mittrugen. Um jüngere Studierende zu gewinnen, führe ich im Sommersemester 2002 ein Seminar über Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen durch. Aufgabe der Teilnehmer ist es, in Städten und Dörfern Westfalens - im Idealfall: beginnend in ihren Heimatorten - nach Spuren jüdischer Autoren zu forschen, Verbindungen mit denen aufzunehmen, die bisher solchen Spuren nachgingen, aber keine Kontakte zu Archiven, Forschungsstätten und Universitäten hatten und deren Arbeit daher bisher weitgehend unbekannt geblieben ist.Ich habe zu Beginn aus Günter Kunerts Begleittext zur ersten Neuausgabe von Werken Jakob Loewenbergs nach über 60 Jahren, 1995, zitiert; ich wiederhole zwei Sätze daraus:

»Wieviele Loewenbergs harren noch unter dem Schutt der Gegenwart ihrer »Auferstehung«? Wieviele Autoren jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung warten eigentlich noch darauf, in das Gedächtnis unserer Zeitgenossen zurückgerufen zu werden?«

Das Forschungsprojekt »Jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Westfalen« möchte möglichst viele »Loewenbergs ... in das Gedächtnis unserer Zeitgenossen« zurückrufen.

 

Hartmut Steinecke (Paderborn 2001)


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