Eli Marcus
1854 - 1935
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Pseudonyme:
Natzohme

Geboren am 26. Januar 1854 in Münster. Sein Vater war Kaufmann. Besuch der Grundschule und Realschule in Münster und für drei Jahre eines Instituts in Sondershausen/Thüringen. Von 1870 bis 1872 kaufmännische Lehre in Bochum. Danach Tätigkeit im elterlichen Geschäft (Lederhandel, seit 1875 Schuhwarenhandlung), das er nach dem Tod seines Vaters (1890) mit seinem Bruder Julius übernahm. Er war Mitglied der von Hermann Landois gegründeten Zoologischen Abendgesellschaft und Mit- oder Alleinverfasser der plattdeutschen Theaterpossen und Ein-akter der AZG, bei denen er auch als begabter Darsteller auftrat. (Schmieding 1993) Der wachsende Erfolg dieser Volksstücke, die viel von ihrer Wirkung den Darstellern der AZG verdankten – alle Rollen wurden von Männern, darunter auch »Natzohme« (die Glanzrolle von Eli Marcus im »Mester Tüntelpott«, 1895), gespielt· – führten um die Jahrhundertwende zur Bildung mehrerer Gesellschaften im Münsterland, die mit eigens verfaßten Volksstücken nach dem Vorbild der Münsterschen AZG großen Beifall ernteten. Von dem Bekanntheitsgrad der Werke von Eli Marcus speziell, ihrer Beliebtheit und Verbreitung unter den Zeitgenossen zeugen Zeitungsnotizen über fortwährende Aufführungen seiner Volksstücke in westfälischen Vereinen zu Anlässen verschiedenster Art, Notizen über plattdeutsche Abende, bei denen Eli Marcus eingeladen und als »vorzüglicher Interpret seiner Dichtungen« geschätzt wurde, sowie Würdigungen seiner »lyrischen Leier«: Nach der Jahrhundertwende wandte sich Eli Marcus nämlich, ohne die Theaterstücke völlig aufzugeben, mehr der Lyrik zu. (Weiß 1989). Er beteiligte sich an den von Landois herausgegebenen Sammlungen plattdeutscher Dichtungen. Verfasste mit Landois, Pollack, Schmitz, Rade und anderen Mitgliedern der zoologischen Abendgesellschaft in Münster i.W. eine Anzahl der Theaterstücke, welche zum Besten des dortigen zoologischen Gartens seit 1881 aufgeführt wurden. Die meisten dieser Stücke sind nicht gedruckt, sondern nur autographiert worden. (Seelmann, Bd. 1, 1896; Bd. 2, 1915) 1917 gab er sein Schuhgeschäft am Roggenmarkt auf. Um 1919 zog er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Seit 1920 betrieb er in Münster einen An- und Verkauf wertvoller Altertümer und Kunst, war daneben aber weiterhin schriftstellerisch tätig. Wie lange Eli Marcus noch aktiv bei der AZG mitwirkte, läßt sich nicht genau feststellen, weil die Archivalien der AZG ein Opfer des Zweiten Weltkrieges wurden. Seine Bühnenstücke wurden jedoch noch häufig aufgeführt und seine Lyrik und Prosa fernerhin geschätzt und rezitiert. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wurde es still um ihn. (R. Schmieding) Er starb am 13. September 1935 in Münster.



Über Eli Marcus

Marcus, Eli (Elias) 26.1.1854 MS – 13.9.1935

 

Kaufmann, Schuhhändler, Antiquitätenhändler und Mundartdichter. Entstammte einer alteingesessenen jüd.-westfälischen Familie. Sein Vater war seit 1842 in MS ansässig und betrieb zuerst an der Rothenburg, später in seinem Eigentum Königsstr. 33 einen Lederhandel. Um 1875 gründete dieser die »Schuhwarenhandlung S. Marcus«, Roggenmarkt 11/12 (später Nr. 9), die nach seinem Tod an die Söhne Eli und Julius überging. Nach kurzem (?) Besuch der Realschule lebte Eli M. drei Jahre lang in der »Privatensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge« des religiös liberal eingestellten Rabbiners Prof. Philipp Heidenheim (1814-1906) in Sondershausen/Thür., in der Schüler »aus allen Teilen der Welt« zusammenkamen, um die dortige höhere Lehranstalt zu besuchen. 1870 bis 1872 absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Bochum. Danach kehrte er in das väterliche Ledergeschäft in MS zurück. Nach Bezahlung von 28,50 M erhielt er am 12.2.1890 das Bürgerrecht der Stadt MS. 1893 war er Mitglied im »Verein zur Abwehr des Antisemitismus«. Ab 1912, nach dem Tod des Bruders, bis zum Verkauf am 10.10.1917 (der Name des Geschäftes wurde beibehalten) war Eli M. Alleininhaber des Betriebes. Er wohnte Roggenmarkt 11/12 (1882), Neubrückenstr. (1889), Roggenmarkt 9 (1893) und Bogenstr. 17/18 (1896). 1906 zog er in das 1896 erbaute Haus Goebenstr. 1. Veröffentlichte 1910 einen Beitrag über den befreundeten Münsteraner Bildhauer August Schmiemann (1845-1927) und dessen Werk. Bekannt war er auch mit dem Münsteraner Musikdirektor Julius Otto Grimm sowie den Schriftstellern Augustin Wibbelt (1862-1947) und Hermann Löns (1860-1914), der häufig sein Gast war. Von ca. 1920 bis zum 3.12.1936 betrieb er in der Goebenstr. 1 (über dem Eingang war eingraviert »met Mut un Fließ, met Gott alltied«) einen »An- und Verkauf wertvoller Altertümer und neuer Kunst«, den sein Sohn Julius gen. Uli 1933 übernahm. Eli M. fungierte als Beisitzer im Kaufmannsgericht. Er unterstützte die 1919 gegründete freie Künstlergemeinschaft »Schanze«, zu deren Zielen u.a. die Vermittlung der modernen Bildenden Kunst an die Münsteraner und die Förderung ihrer Wertschätzung gehörte. Er gehörte zur Jury, die in den 1920er Jahren Kunstobjekte für die Ausstellung »Das schöne Münster« auswählte. Außerdem war er zweiter Vorsitzender im »Verein für jüd. Geschichte und Literatur«. Am bekanntesten war er als Mitglied der »Abendgesellschaft des Zoologischen Gartens«, seinerzeit ein bestimmender Faktor des geselligen münsterischen Lebens, die von Professor Landois ins Leben gerufen worden war, um Geldmittel für den 1875 errichteten Zoologischen Garten in MS zu erhalten. Er gehörte der Gesellschaft seit 1881 an. Bei den bis zum Beginn des 1. WK fast jährlich in Münsterländer Platt produzierten Karnevalsspielen war Eli M. als Mit- oder Alleinverfasser federführend. Als Nachfolger von Dr. Fritz Westhoff (1857-1896), der bis 1891 die Fastnachtsspiele verfaßt hatte, übernahm Eli M. 1892 diese Aufgabe. Er beendete nach dem 1. WK seine aktive Mitgliedschaft und widmete sich fortan dem Kunsthandel. Durch die Inflation verlor er sein erarbeitetes Vermögen und mußte als 70jähriger wirtschaftlich noch einmal von vorn anfangen. Seine Bühnenstücke und seine plattdeutsche Lyrik waren bedeutend für die Entwicklung der westfälischen Mundart. Zu seinen bekanntesten Gedichtbänden zählen »Schnippsel vom Wege des Lebens«, »Düörgemös« und »Sunnenblomen« (1913). Mit 79 Jahren gab er 1933 sein letztes Rundfunkinterview. Während des Dritten Reiches wurde kein einziges Stück von Eli M. gespielt, und die münsterischen Zeitungen, die ihn vorher als beliebten Dichter gefeiert hatten, erwähnten weder seinen 80. Geburtstag 1934 noch veröffentlichten sie 1935 zu seinem Tode einen Nachruf. Anläßlich seines 80. Geburtstages schrieb seine Tochter Käte: »Er ist verliebt in seine türme- und giebelreiche Heimatstadt und in das bäuerliche Münsterland mit seinen Wallhecken und seinen endlos hingebreiteten Aeckern und Wiesen.« In den letzten drei Jahren seines Lebens konnte er aus gesundheitlichen Gründen das Haus nur noch selten verlassen und freute sich daher über jeden Besucher, der ihm »die Stadt ins Haus« brachte. Beerdigt wurde er auf dem jüd. Friedhof in MS. Nach Ende des NS-Regimes wurden vereinzelt wieder Stücke von Eli M. aufgeführt. 1966 wurde in MS-Kinderhaus eine Straße nach ihm benannt. Anläßlich seines 140. Geburtstages 1994 würdigte die »Gesellschaft für Christl.-Jüd. Zusammenarbeit MS« in Anwesenheit seines Enkels.

 

(Jüdische Familien in Münster. 1918-1945. Teil 1: Biographisches Lexikon von Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer. Hg. von F.-J. Jakobi u.a. Münster 2001).