Abraham Sutro
1784 - 1869
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Über Abraham Sutro

Diethard Aschoff  über Abraham Sutro (in: Bautz, Bd. XI, 1996, Sp. 283-287

 

SUTRO, Abraham, Landrabbiner, * 5.7. 1784 in Bruck, heute eingemeindet in Erlangen, + 10.10. 1869 in Münster, dort auch bestattet, Grab erhalten. – Als ältestes von sieben Geschwistern geboren, durchlief S., der bis 1808 Abraham (ben) Samuel hieß, die Talmudschulen von Fürth und Prag und war dann als Hauslehrer in Prag, Aschaffenburg und Kassel tätig. 15jährig erhielt S. den Titel Chober, die Vorstufe der Rabbinischen Ordination, von dem ihn prägenden streng orthodoxen Rabbiner Wolf Hamburg in Fürth. Die eigentlichen Rabbinerdiplome, verbunden mit dem Muranotitel,erwarb er 1808 in Kassel und 1810 in Paderborn. – 1810 Lehrer in Reichensachsen, ab 13.12. 1810 in Beverungen. Von hier aus verwaltete S. als Rabbinatsadjunkt auch das Kreisrabbinat Warburg. – 1811 heiratete S. Rebecca Culp aus Wanfried/Hessen. Aus der Ehe gingen elf Kinder hervor. – Dem späteren Oberpräsidenten von Westfalen, Ludwig Frh. Vincke, empfahl er sich durch eine nationalpreußisch gestimmte Rede anläßlich des Sieges über Napoleon am 11.4. 1814. Am 16.5. 1815 als Landrabbiner der jüdischen Gemeinden im Münsterland und in den Grafschaften Mark und Limburg bestätigt – 1828 kam noch das Paderborner Land dazu – verlegte S. 1816 seinen Amtssitz nach Münster, wo er bis zu seinem Tode verblieb. – S. sollte der Regierung der neu errichteten preußischen Provinz Westfalen als Sachverständiger in Judenfragen dienen, daneben den jüdischen Gemeinden seines Bezirkes als Berater und Richter in Kultus- und Schulfragen, ohne hier freilich die Unterstützung der Regierung zu finden. Ein am 1.7. 1816 vorgelegtes »Reglement für die Herren Vorsteher im Rabbinerbezirk Münster und Mark« blieb ohne Erfolg. Im wesentlichen war S. für die in seinem Bereich lebenden Juden nur für Trauungen/Scheidungen sowie die Aufsicht über das rituelle Schächten zuständig. – Finanziell oft bedrängt, war auch seine rechtliche Position nie endgültig geklärt. Bezeichnend dafür war, daß S. anläßlich des Jubiläums seiner 50jährigen Tätigkeit als Rabbiner am 15.5.1861 zwar den Roten Adlerorden in der für Juden vorgeschriebenen Sternform erhielt, aber nur in der untersten (4.) Klasse und ohne ihn als Landrabbiner anzusprechen. Er galt nur als »Kultusbeamter«. – In seiner Amtszeit unter dem Kasseler Konsistorium machte er die später erbittert bekämpften Neuerungen im jüdischen Kultus mit: er predigte in deutscher Sprache und akzeptierte sowohl die Orgel in der Synagoge, was ihm später besonders verhaßt war, als auch die nach evangelischem Vorbild eingeführte Konfirmation. – In seiner Münsterer Zeit hingegen verkörperte er nach Leben, Wirken, Schicksal und Schriften in Westfalen am konsequentesten den Typus des orthodoxen Rabbiners, des »starren Rabbaniten«, wie ihn ein Gegner betitelte. – S. war, wie es auf seinem Grabstein heißt, »57 Jahre lang ein treuer Lehrer und Kämpfer für Israel«. Der preußische Patriot, der er auch war, setzte sich zeit seines Lebens zäh, unter persönlichen Opfern und vielen Anfeindungen in der preußischen Monarchie für die rechtliche Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen ein, die im Jahr seines Todes formell erreicht wurde. – S.s Sohn Baruch wurde, weil er Jude war, 1853 aus der ihm zugesagten Stellung als Bauführer in Münster entfernt. 1860 hatten S.s Petitionen Erfolg: Juden durften von da an als Feldmesser und Bauleiter im Staatsdienst beschäftigt werden. Baruch S. war freilich inzwischen im Ausland verstorben. – S. wollte »Religiosität und Moralität« seiner Glaubensgenossen fördern und die »bestehenden Unordnungen in den Synagogen« beseitigen, wie er 1816 an Vincke schrieb. Vor allem wollte er den »alten ehrwürdigen Ritus unverändert lassen«. Hierin hatte er in Westfalen nur beschränkt Erfolg. Er hemme, wie seine Gegner ihm vorwarfen, mit »blindem Eifer das fortrollende Rad der Zeit.« S. stand hier gegen den Hauptstrom der Entwicklung. – Als Gegner der Reformbewegung war er literarischer Mitarbeiter der orthodoxen Zeitschrift Schomer zion hane-eman seines Freundes, des Rabbiners Jacob Ettlinger aus Altona. – Von S. stammt die »Widerlegung der Schrift des Herrn H.B. H. Cleve: [Der] Geist des Rabbinismus oder mein Übertritt vom Juden- zum Christentume.« [Münster 1823] Aus der Heiligen Schrift und dem Talmud, Münster und Hamm 1824, und »Michamot adonai« (Kämpfe für Gott) in vier Heften, H. 1, 1836 in Hannover, H. 2, 1862 in Frankfurt, H. 3, 1863 in Hannover, H. 4, 1864 in Halberstadt. Mit diesem Werk war S. der letzte hebräische Schriftsteller Westfalens. S.s eigentliche Bedeutung liegt, abgesehen von dem Zwischenspiel unter dem Konsistorium in Kassel, in der Einheit von Leben, Wirken und Schreiben. Gleichzeitig war S. im außerreligiösen Bereich Neuem durchaus aufgeschlossen, beherrschte Französisch, Englisch und Italienisch in Wort und Schrift, besaß auch lateinische Sprachkenntnisse, war historisch und geographisch beschlagen und naturwissenschaftlich interessiert. In dieser Verbindung zwischen rigider Ablehnung religiöser Reformen und Offenheit gegenüber moderner Bildung war er ein früher Typus des Neo-Orthodoxen moderner Prägung. Die noch ausstehende umfassende Biographie könnte sich auf umfangreiches, zum großen Teil noch unverwertetes Archivmaterial stützen. Sie käme einer inneren Geschichte des westfälischen Judentums in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleich. – Über einen seiner Schüler, Isaac Leeser (1806-1868), die führende Persönlichkeit des orthodoxen amerikanischen Judentums, wirkten Sutros antireformerische Ideen aus Milchamot adonai im US-Judentum stark nach.